Dein Leben

Du lebst Dein Leben. Ein gutes Leben. Du lebst in Deutschland. Mitten im Wohlstand; in einem der reichsten Staaten der Welt. Es war nie friedvoller als heute.

Du hast Freiheiten. Du genießt sie; jeden Tag.

Wenn Du Hunger hast, gehst Du zum Kühlschrank. Wenn Dir kalt ist, drehst Du die Heizung auf. Wenn Dein Smartphone keinen Akku mehr hat, lädst Du es. Wenn die Woche anstrengend war, gehst Du in ein Restaurant. Wenn Du etwas wissen willst, öffnest Du Wikipedia. Wenn Du Angst hast, guckst Du aus dem Fenster. Wenn Du wirklich Angst hast, rufst Du die Polizei.

Wenn die Sonne scheint, ziehst Du ein T-Shirt an. Kurze Kleider, damit die warme Luft Deinen Körper umschmeichelt. Wenn es wirklich warm ist, gehst Du ins Schwimmbad. Du riechst die Fritteuse. Das Frittenfett. Das Chlor. Du erinnerst Dich an Deine Jugend. An Deine Kindheit. Das Dorf. Die Stadt. Hier und da, es gab Probleme. Aber nichts Weltbewegendes.

Aber etwas stört Dich. Aber noch ist das egal.

Du gehst zur Schule. Du machst eine Ausbildung. Du gehst zur Arbeit. Du bekommst Dein Geld; erst Taschengeld, dann Lohn. Aber auch Kindergeld, Erziehungsgeld, Pauschalen, Steuererstattungen – ja, auch das. Oftmals musst Du Dich noch nicht einmal um etwas kümmern. Der Staat überweist es stillschweigend. Manchmal musst Du dich um etwas kümmern. Manchmal musst Du auch um etwas kämpfen. Manches geht so langsam. Du könntest das besser. Es nervt.

Die Erwachsenen regeln alles, sie sind allmächtig und allwissend – dachtest Du. Dann wurdest Du älter und hast verstanden: Alles nur Menschen. Jeder macht Fehler. Niemand weiß alles. Manche Einsichten und Ansichten hast Du übernommen, in anderen Punkten liegst Du ein wenig entfernt, bei manchen Meinungen unterscheidest Du Dich fundamental von Deiner Familie. Der Lauf der Dinge. Nicht alles wird in der Familie ausgetragen; manches schon.

Doch einen tiefen Graben zwischen Euch, den gibt es nicht.

Du wirst selbst Erwachsen. Jetzt hast Du Recht. Davon bist Du überzeugt.

Du hat angefangen Medien zu konsumieren. Zeitschrift, Fernsehen, Internet und Radio. Die Welt ist nicht nur Deine Stadt oder Dein Dorf. Die Welt ist riesig, gigantisch. Du schaust in Dein Shirt: Bangladesch. Du schaust in Deine Schuhe: China. Du schaust auf Dein Obst: Spanien. Du schaust auf Deinen Apfel: Deutschland. Du steigst ins Auto und fährst nach Paris oder Amsterdam, Wien oder Warschau oder Prag. Die Menschen sprechen andere Sprachen; die Menschen sind freundlich.

Alles ist so verdammt normal.

Menschen sterben. Du liest es in der Tageszeitung. Ein Autounfall. Irgendeine Autobahn, irgendeine Landstraße. Passiert. Pech gehabt. Du kennst einen, der einen kennt. Irgendwann kennst Du selbst einen; Du trauerst. Wie ungerecht.

Menschen sterben. Du siehst es im Fernsehen. Ein fernes Land. Eine Katastrophe: Mehr als hundert Tote. Ein Selbstmordattentat, ein Krieg, ein Konflikt. Schlimm, ja. Ihr sitzt vor dem Fernseher, ihr schüttelt kurz den Kopf.

Aber: Es ist so verdammt normal.

Du machst Dir Gedanken, irgendetwas stört Dich. Nur was?

Du sitzt in der Bahn und liest die Nachrichten. Du gehst auf Facebook und liest die Nachrichten. Du liest Blogs, und andere Seiten. Es ist ein freies Land, es gibt viele Meinungen.

Die Welt ist kompliziert. Warum ist sie bloß so kompliziert? Du bist nur ein kleines Wesen. Was zählst Du schon? Alles um Dich herum ist wichtiger, bedeutender. Das kann nicht sein; das darf nicht sein.

In den Jahren sind die Nachrichten zu einem losen Puzzle geworden. Du siehst die einzelnen Facetten, die einzelnen Bausteine; aber das ganze Puzzle? Keiner baut es für Dich zusammen. Jeder behauptet ein Puzzleteil zu besitzen; jeder möchte Dir sein Puzzleteil aufdrängen. Dein Kopf brummt. Wem kannst Du vertrauen?

Du bist doch ein Mensch. Du bist schlau. Das wird schon.

Du hast ein Gefühl im Bauch, schon wieder. Die Welt ist kompliziert und es passieren komische Dinge. Auf welcher Seite stehst Du? Auf keiner so wirklich. Die großen Grabenkämpfe sind vorbei.

Aber der 11. September. Jemand meinte mal, da stimmt was nicht. Auf N24 lief mal eine Dokumentation. Komisch. Und dann der Krieg im Irak. Da stimmte ja tatsächlich was nicht, das ist bewiesen. Die Amerikaner – kann man ihnen trauen? Guantanamo, das sollte doch geschlossen werden, meinte der Obama.

Dann der Putin, auch ein Schurke. Dann China, auch das sind Schurken. Und Nordkorea erst; und Atomwaffen haben sie.

Auch im Iran ist was los. Und in Afrika. Dir raucht der Schädel.

Und Deutschland, Deutschland darf man nicht vergessen: Silvester in Köln! Schlimm war das. Irgendwie auch seltsam. Das kam ja wie gerufen.

Letztens aber erst, dem einen Verbrecher. Dem konnten sie nichts beweisen, und der wurde dann freigelassen. Oder das andere Verbrechen; viel zu gering, diese Strafe! In welcher Relation steht das denn zu dem anderen Fall? Und überhaupt: Strafe. Die sollen doch mal an die Opfer denken. Wie fühlen die sich wohl? An die Opfer denkt mal wieder niemand.

Manchmal bekommst Du die Diskussionen mit. Ab und zu verfolgst Du Talkshows. Du liest in Deinen sozialen Netzwerken, was Leute denken.

Das mit der Angst, das kannst Du nachvollziehen. Jetzt ist der Terror schon in Europa. Du steigst in Dein Auto und fährst zur Arbeit. Du steckst im Berufsverkehr fest. Du gehst zum Bahnhof. Du gehst zum Flughafen. Du steigst in den Flieger, in den Zug oder in den Bus.

Du willst es Dir verkneifen. Aber der eine Mann sieht ziemlich arabisch aus. Du beobachtest ihn kurz. Dein Verdacht erhärtet sich nicht. Du lachst innerlich kurz über Dich selbst. Wie naiv, wie deutsch. Du fühlst Dich wie ein Klischee.

Aber passieren kann immer etwas – oder etwa nicht?

Du steigst beruhigt ins Auto und fährst nach Hause. Jemand versucht Dich zu überzeugen, dass Du keine Angst zu haben brauchst. Es gäbe Statistiken und Argumente.

Aber das Gefühl ist doch da, im Bauch. Und Gefühle kann man nicht steuern; ein Gefühl hat doch eine Berechtigung. Morgens spülst Du Dir kaltes Wasser ins Gesicht, danach gehst Du warm duschen.

Du weißt nicht, was Du in den letzten Jahren verlernt hast. Du weißt nicht, was Dir abhanden gekommen ist. Und weil Du das nicht weißt, kannst Du auch nicht sagen, wer oder was daran Schuld hat.

Du warst in der Schule und Du hast Dinge gelernt. Du hast sie auswendig gelernt, Du konntest sie abrufen. Du hast viel über die Verbrechen des Nationalsozialismus gelernt. Das Alles musstest Du mehrmals lernen und mehrmals abrufen. Nach dieser schrecklichen Zeit passierte auf der Welt viel Gutes: Es gibt Frieden, es gibt ein vereintes Europa. Und Du hast Dein ganzes Leben lang davon profitiert.

Du hast Formeln gelernt, aber niemand sagte Dir wofür. Du hast Sprachen gelernt, aber selten war jemand da, um sie mit Dir zu sprechen. Du hast Gedichte aufgesagt – für den Lehrer. Du kanntest wen, der war gut in der Schule. Abseits Deines Weges hast Du mitbekommen, wie Menschen Ideen hatten und reich wurden. Aber Du hattest nicht einmal vernünftiges Werkzeug. Ist es Deine Schuld?

Du hast viel gelernt; aber wenig über Kultur, kaum etwas über Rechte, nichts über das, was die Gesellschaft verbindet. Du hast es Dir selbst zusammengereimt – oder auch nicht. Du lebst in einem der reichsten Länder der Welt. Sorgenfrei. Niemand nimmt Dir etwas weg. Es ist Dir nicht immer bewusst.

Jetzt denkst Du Dinge, die für Dich Sinn ergeben. Du liest, was Du gerne lesen willst. Und Du lachst über Dinge, über die so gelacht wird. Du guckst Nachrichten und schüttelst immer noch den Kopf.

Die Vielfalt, sie erstickt Dich, in so vielen Belangen. Natürlich, da ist nur das kleine Du; trotzdem sind da so viele Dinge, die mit Dir zusammenhängen. Du musst Entscheidungen treffen und nie ist der richtige Zeitpunkt dafür. Jeder schickt Dir einen Link mit dem besten Angebot; jeder hat eine Geschichte gehört; jeder weiß es besser. Keiner weiß es richtig. Es ist zu anstrengend, Dingen auf den Grund zu gehen.

Du wischst mit dem Finger zum nächsten Date; zum nächsten Termin; zur nächsten Möglichkeit.

Du liest die großen Überschriften. Du liest die ersten Zeilen. Du bist oberflächlich. Alles interessiert Dich, aber nichts so richtig; wenig in Deinem Kopf hat Bestand. Warum sollte es auch Bestand haben? Was würde es an Deinem Leben ändern?

Die Welt wird schneller.

Abends liegst Du in Deinem Bett.

Du guckst an die Decke.

Es ist ganz ruhig.

Alles ist wie immer.

Vorauseilend Gehorsam

Unsere Debattenkultur befindet sich im Prime-Modus; ganz umsonst und nicht per Post. Heute wird sich aufgeregt, das Ergebnis schon am nächsten Tag gefeiert, frenetisch und kollektiv. Und weil alle mitmachen, ist das natürlich richtig. Laptop aufgeklappt, Glücksschrei, denn der Hype ist da. Nebenbei wird der Kapsel-Kaffee ganz in Ruhe ausgetrunken.

Prozesse der Meinungsbildung durchlaufen keine natürliche Entwicklung mehr. Einsichten entstehen nicht von innen heraus, sondern werden von außen gefordert und Wort für Wort diktiert. Die Erwartung ist so groß, dass nicht mehr gewartet werden kann. Alle wollen alles von jedem, und das schneller, früher und besser. Was die eigene Person damit zu tun hat, ist zweitrangig. Ich bin, also darf ich verlangen – so einfach kann es sein. Die Möglichkeit der Teilnahme wird zur Berechtigung der eigenen Erhebung über andere. Überall selbsternannte Experten, die nicht zweifeln, sondern wissen; lieber urteilen, als abwägen.

Das Klima ist rau. Vordergründig nicht, aber das war es nie. Views are my own, RTs not endorsements; doch jene Twitter-Profile erscheinen öffentlich und bleiben mit der Person und ihrem Gefüge verbunden. Facebook-Profile sind nur für Freunde sichtbar; wie gut, dass es Screenshots gibt und das WhatsApp-Foto für jeden sichtbar ist. Die Kosten einer Meinung scheinen gestiegen zu sein, oder warum diese pflichtbewusst-korrekten Zäune in unseren digitalen Spiegelbildern? Letztlich würden diese kleinen Rettungsanker von jedem Windchen umgestoßen. Es wurde oft genug bewiesen.

Manche Diskussion scheint aus dem Schnellkochtopf entsprungen. Aus Versprechern werden Vorsätze, aus Fehlern Standpunkte und Haltungen. Nur die durchdachte Argumentation leidet, denn für sie gibt es nicht genügend  Zeit, Energie und Ressourcen. Gefragt wird wenig, Fehler nicht zugegeben. Kein Politiker sitzt in einer Talkshow und sagt: „Wirklich? Das hat mir mein Referent aber anders gesagt.“ Auch Entwicklungen scheinen nicht erlaubt. Papier wird welk, aber unsere Bildschirme nicht. So scheint jeder unserer digitalen Bausteine zeitlos zu sein. Doch die Menschen, die sie schufen, sind es nicht. Sie durchlebten währenddessen Phasen und veränderten sich.

Irren ist menschlich, Fehler passieren. Wahre Sprüche vom Scheitern werden geteilt und sich in die Küche gehangen. Einmal mehr aufstehen als hinfallen – das Erfolgsrezept. Die Realität von Menschen, die ins öffentliche Kreuzfeuer geraten, ist eine andere. Sie entschuldigen sich, vorauseilend, schnell und sofort. Bei wem eigentlich, und warum so augenblicklich? Fällt denn nicht auf, dass eine Entschuldigung Einsicht erfordert – und Einsicht mit Zeit verbunden ist?

Laufend hagelt es Quittungen, doch die Doppelmoral scheint zu siegen. Angeklagte werden zuvor kaputt geschrieben, doch über die flaue Strafe wird sich im Nachhinein beschwert. Meinung und Teilhabe werden gefordert, aber wenn sie geäußert und in Anspruch genommen wurden, ist es der falsche Moment oder der falsche Rahmen. Wir wollen meinungsstarke Menschen mit Haltung, die vieles kritisch betrachten und verstehen, nur bitte nicht die Struktur der eigenen Organisation, Partei, Firma.

Der Ratschlag der vorauseilenden Anpassung bewährt sich. Der Versuch etwas einzuholen, das sich noch gar nicht manifestiert hat. Der Versuch, aus den Erfahrungen anderer zu gewinnen. Wir alle kennen Beispiele: aktuelle, weniger aktuelle – kommende. Tilo Jung entschuldigt sich für ein geschmackloses, aber dennoch bedeutungsloses Instagram-Foto; der grüne Ehrenamtler Jörg Rupp für einen Tweet über Dekolleté und Beine von Katja Suding. Zuletzt bat auch das ZDF um Verzeihung: für das vermeintlich braune Hemd eines Moderators. Jedenfalls ein Paradebeispiel der derzeitigen Absurdität. Denn was folgt dann? Die Entschuldigung dafür, dass sich entschuldigt wurde – und wenn es wiederum dafür Gegenwind gibt..? Es geht nicht um Sympathien, es geht um das Verhältnis.

Dies schafft ein Klima, das einer vielfältigen Gesellschaft nicht würdig ist. Wir glauben schon vorher zu wissen, was kommen wird und erzeugen damit einen Kreislauf selbsterfüllender Prophezeiung, an dessen Ende die Empörung der Empörten steht.

Ich beobachte diesen Prozess und ich verstehe, dass jemand im Visier nur eines will: nämlich Ruhe und Frieden. Aber ehrlich – das ist ein falsches Signal. Man kann sich nunmal nicht davor schützen, dass jemand etwas absichtlich falsch versteht. Beginnen wir damit, uns im Vorhinein zu entschuldigen, schaffen wir ein Fundament für diese Form der absichtlichen Erregung. Das kann nicht sein und das darf nicht sein. Einsicht die vom Einsehen kommt, immer gerne. Doch die erhält man nicht mit Mistgabeln und Fackeln.

Berliner und Nutella

Ein unglaublich imponierender Gedanke. Vielen Menschen wäre es jederzeit möglich, den nächsten großen weltverändernden Klassiker zu schreiben, der die Literatur für die kommenden Jahrhunderte nachhaltig prägen würde. Was braucht man dafür? Ein Blatt Papier und einen Stift, eine Hand, die Gedanken zu Worten formen kann. Als ich in der Grundschule das Schreiben lernte, vielleicht auch etwas früher, war ich mir dieser enormen zivilisatorischen Kraft überhaupt nicht bewusst. Erst mit den Jahren wird klar, was es bedeutet: Wir alle haben das Werkzeug, um zum nächsten Shakespeare zu werden; was man braucht liegt – in verschiedenen Formen – unachtsam auf unseren Tischen und in unseren Köpfen herum.

Wahrscheinlich geschieht der Versuch, das neue Romeo & Julia zu schreiben, jeden Tag tausendfach und viele Menschen haben die Hoffnung, der oder die Auserwählte zu sein. Weltweiter Ruhm, vielleicht sogar zu Lebzeiten. Viel mehr als ein Lottogewinn. Aber es ist verflucht gemein, wie viele Hürden im Wege stehen. Es liegt ja nicht nur am perfekten Schreiben – jemand muss es außerdem lesen wollen und dem Ganzen eine Chance geben. Vermutlich können wir uns dennoch darauf einigen, dass das Vorhandensein von Schreibmaterialien und Sprachen, derer die Menschen mächtig werden können, ein zutiefst sozialer Fakt ist. Im wohlhabenden Teil der Welt gehört Sprache jedem, sie wird niemandem vorenthalten, keiner wird ausgeschlossen. Sie ist ein Allgemeingut sondergleichen. Zumindest – theoretisch.

Vor einiger Zeit habe ich herausgefunden, dass das Musical My Fair Lady, welches auf dem Schauspiel Pygmalion von George Bernard Shaw beruht, eine besonderes Beispiel für die durchschlagende Wirkung von Kommunikation ist. In dieser Komödie geht es um ein Blumenmädchen namens Eliza, die durch die Sprachausbildung des Professors Henry Higgins zur Herzogin aufsteigen soll. Die Rollen sind klar verteilt: auf der einen Seite die feine und gehobene Gesellschaft, auf der anderen das Mädchen aus einfachen Kreisen – sie muss mühevoll erlernen, was anderen Menschen in die Wiege gelegt wird. Die meisten hegen wohl automatisch Verständnis und Sympathie für Eliza.

Wenn wir heute von sozialer Gerechtigkeit sprechen, dann sind wir dieser Komödie ziemlich nah. Es kann nicht darum gehen, in welchen Verhältnissen jemand geboren wird; es kann nur darum gehen, dass der Aufstieg möglichst jeder Person zumindest offen steht. In Bezug auf My Fair Lady stellt sich augenblicklich die Gretchenfrage. Gesetzt den Fall, der Aufstieg wäre nur durch sprachliche Anpassung möglich – ist Sprache dann nicht nur reine Fassade? Und im Umkehrschluss: Ist die gehobene Schicht vielleicht gar nicht so elitär, sondern lediglich eine Gruppe, die verzweifelt nach Machterhalt und Abgrenzung strebt? Dazu ist natürlich auch Kommunikation ein hervorragendes Mittel.

Sprache gehört zwar jedem, doch der Umgang mit ihr ordnet uns automatisch bestimmten Schubladen zu. Es gibt einen Unterschied dazwischen, eine Sprache zu sprechen oder aber eine Sprache zu sprechen. Dieser Effekt begegnet mir jedenfalls auch heute immer wieder. Es liegt wahrscheinlich tief in unseren Wurzeln, dass wir mit manchen Dialekten und Aussprachen fremdeln und jene Person als nicht zu-uns-gehörig einordnen. Ich glaube nicht, dass sich dahinter böser Wille verbirgt. Aber ich stelle es für mich fest.

Heute schwindet die Kraft dieser Barriere, und als politischer Mensch beschäftigt mich natürlich vor allem diese Dimension. Der demokratische und aufklärerische Gedanke – dass die Macht nicht nur vom Volke ausgeht, sondern auch von Teilen des Volkes ausgeübt werden soll – findet sich beispielsweise im Begriff der Sprache des Volkes wieder. Abgeordnete werden entsprechend entlohnt: es sollen eben keine ‚Fürsten‘ sein, die sowieso nichts besseres zu tun haben, als sich mit Intrigen und Gesetzen zu beschäftigen. Mancher Politiker bemüht sich folgerichtig darum, jene Sprache des Volkes zu sprechen – und auf der anderen Seite gibt es erfreulicherweise immer mehr von denen, die sich nicht bemühen müssen, sondern es einfach können.

Ich erinnere mich beispielsweise auch daran, dass Angela Merkel im Jahre 2013 eine Menge Sympathien erntete, als sie öffentlich berichtete, gerne Kartoffelsuppe und Rouladen zu kochen. Es scheint öfters so, als bräuchte die Öffentlichkeit einen Beweis für die Normalität ihrer Führungspersonen, Stars, Sternchen und Promis. Dass Sigmar Gabriel beim Penny Pfandflaschen abgibt, ja, das ist ein kurioser, doch irgendwie auch erstaunlich normaler Gedanke. So wird aber auch jeder amerikanische Schauspieler dazu gezwungen, einen beliebigen Satz auf Deutsch zu sagen. Aus irgendeinem Grund scheinen wir das toll zu finden.

Es passiert aber noch mehr erfreuliches, denn durch das gesellschaftliche Zusammenwachsen geschieht auch eine sprachliche Annäherung, gefördert durch Mobilität im Studium und Job. Wir streiten uns herzlich darüber, ob es Berliner oder Pfannkuchen, Brötchen oder Wecken, die oder das Nutella heißt. Unsere sprachlichen Debatten haben sich folglich verändert. Aber haben sich sprachliche Parallelstrukturen dadurch aufgelöst? Ich für meinen Teil finde zumindest, dass sie sich in der Auflösung befinden.

Übrigens. Das Blumenmädchen Eliza fiel dann doch negativ auf: im Fluchen vergaß sie ihre neuerlernten, guten Manieren. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie groß der Anteil aktueller Debatten in vermeintlich altem Stoff ist. Und auch eine weitere, persönliche Randbemerkung sei an dieser Steller erlaubt. Es heißt natürlich Berliner und die (!) Nutella. Bei der Sprache können wir alle mitmischen.

Wir kleinen Römer

Wie wohl die meisten, finde auch ich persönlich die (voraussichtliche) Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 im Emirat Katar sinnlos und unwürdig. Als Freund der Menschenrechte und der Menschenwürde kann ich diese Vergabe einfach nicht gutheißen. Ich glaube, das ist ziemlich logisch und nachvollziehbar. Trotzdem fallen mir bei der Berichterstattung und den Reaktionsweisen einige Mechanismen auf, die ich an dieser Stelle kommentieren und einordnen möchte.

Es ist ja eigentlich unerklärt, wie wir heute darauf kommen, dem Sport eine Art von Unschuld anzudichten. Der sportliche Wettbewerb war nie Friede, Freude, Eierkuchen. Zumindest komme ich auf diese Idee, wenn ich historisch zurückblicke. Schon die Olympischen Spiele der Antike waren mehr als ein sportlicher Streit zwischen Athleten. Sie waren religiöses, kulturelles und politisches Großereignis – und kein karitativer Selbstzweck. Im Geschichtsunterricht habe ich außerdem gelernt, dass ebenso die Athleten keinesfalls aus der Mitte der Gesellschaft stammten. Teilnehmer konnte schlussendlich nur werden, wer in der Lage war, sich die Mühe und das Training zu leisten. Am Ende stand natürlich der noch größere Ruhm. Aber ist es hier möglich von einer Form der sportlichen Demokratie zu sprechen? Die Vermutung liegt nahe, dass wir dem Zustand des offenen und für jeden zugänglichen Sports in der heutigen Zeit wesentlich näher sind als in der damaligen. Nur irgendwie applaudiert dafür niemand.

Brot und Spiele, dieser Ausspruch existiert wohl seit den Römern. Ich glaube, dass diese kurze Formel eine Vielzahl von Aspekten ignoriert. Doch beschreibt sie sehr griffig, wie einfach die Befriedigung von gesellschaftlichen Bedürfnissen erfolgen kann. Es ist immer wieder spannend zu beobachten (und mich selbst nehme ich dabei nicht aus), wie der Sport uns instrumentalisiert – und gleichzeitig instrumentalisiert wird. Im heutigen WDR 5-Tagesgespräch war davon die Rede, dass der Anpfiff bei einem WM-Spiel die Öffentlichkeit in einen anderen – vielleicht neuen? – Aggregatzustand versetzt. Da ist sicher was dran, und sicherlich wissen sportliche Großorganisationen und ihre Entscheider darum. Es kann im Vorfeld viel geschrieben, kritisiert und gestorben werden. Wir sind Menschen und wir vergessen schnell. Und sofern die eigene Mannschaft gewinnt, vergessen wir noch schneller.

In diesen Momenten tendiere ich zu der Meinung, dass wir dem kritisierten Gesellschaftszustand von Brot und Spielen näher sind, als wir uns das wünschen. Ich denke, so unglaubwürdig wie sich sportliche Organisationen machen, so unglaubwürdig machen sich Gesellschaften, die wiederkehrend in Hysterie verfallen, aber nicht in der Lage sind, daraus Folgerungen zu ziehen.

Nein, unpolitisch wird der Sport nie sein. Aber wie wäre es wohl, die Vergabe nach Katar isoliert und ohne Vorbelastung zu betrachten? Es wird schließlich die erste Weltmeisterschaft auf arabischem Boden sein, noch dazu wird sie zum ersten Mal im Winter stattfinden. Ironischerweise meldete sich ein erboster Hörer in besagter WDR 5-Sendung und verkündete aufgebracht, eine WM im November und Dezember würde nicht nur die Zeitpläne der Ligen, sondern auch seine ganz persönlichen Vorhaben (Sportschau gucken, Weihnachtsmarkt besuchen) durcheinander werfen. Ich witterte bereits, dass die Terminierung am Ende noch als Angriff auf die abendländische Kultur gewertet würde; ein Bogen, den ich – man möge es mir verzeihen – gerade kurzzeitig spannen musste.

Sonst heißt es immer, die FIFA wäre ein angestaubter und sturer Verein. In diesem Fall, wo ja alles anders werden soll, wird sie für ihre mutige Entscheidung jedoch nicht beglückwünscht. Aber die FIFA traut sich was, und so falsch kann das doch eigentlich nicht sein. Oder?

Ich glaube nicht, dass man etwas gegen Katar als faktische Entscheidung haben kann. Das Streben nach Anerkennung, auch über den Sport, ist gerade in Anbetracht der Politisierung legitim. Auch die WM in Deutschland wurde nicht auf Grund ihrer Sportlichkeit, sondern ihrer positiven gesellschaftlichen Auswirkung gelobt und hervorgehoben. So kann es meiner Ansicht nicht um das Ob, sondern um das Wie gehen. Auch mir scheint es unmöglich, die Augen vor den Menschenrechtsverletzungen zu verschließen, ebenso, wie vor der offenbaren Korruption. Ich habe aber auch etwas dagegen, dass in den USA die Todesstrafe verhängt wird; dass es in China im Vorfeld der Olympischen Spiele zu Umsiedlungen kam; dass es vor der Fußball-WM in Brasilien Ausschreitungen und Verletzungen gab – auch die Ziele der Menschen dort blieben, so weit ich informiert bin, weitestgehend unerfüllt und verpufften, wie der Lärm der Massen im Stadion. Es ist die ewige Frage nach dem Wert und der Vergleichbarkeit von Ungerechtigkeit, Leben und Tod.

Ich komme zu der Einsicht, dass es mehr „schlechte“ als „gute“ Länder auf der Welt gibt. Aber am Ende wird immer ein Argument Bestand haben: auch diesen Ländern, auch diesen Bevölkerungen, gehört der Sport. Wer wären wir, zu entscheiden, welcher Staat die Austragung einer Veranstaltung verdient und welcher nicht? Der Großteil der Menschheit kann sich seine Lebensrealität nunmal nicht aussuchen. Wo fängt das Ausschließen an – und wo hört es auf? Ich zumindest finde keine befriedigende Antwort auf diese Frage.

Ein wiederkehrender Vorwurf lautet, dass die Kommerzialisierung den sportlichen Wettbewerb kaputtmacht. Für mich bleibt nicht nachvollziehbar, welche Wirtschafts- oder auch Gesellschaftsidee diesem Gedanken zugrunde liegt. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass tägliches Schinden im Bereich des Leistungssports völlig unentgeltlich (oder lediglich staatlich subventioniert) stattfinden sollte. Am Ende sind die Sponsoren die Lebensversicherungen von Athleten, und es ist gut, dass es sie gibt. Nähern wir uns dem Fußball, so ist die Masse an potentiellen Talenten einfach so groß, dass sich das entsprechend im Gehalt niederschlägt. Angesichts der Vielzahl an gescheiterten Karrieren sollte doch jeder wissen, worauf er oder sie sich einlässt. Ich hege zudem durchaus Sympathien für das amerikanische College-System, welches Bildung und Sport in direkten Zusammenhang bringt und die sportlichen Werte auf diese Art und Weise fördert.

Die Konsequenz, dass wir Verbraucher den Sport finanzieren, ist nicht neu. Jeder kennt die großen Banner in Stadienrängen oder über Rennstrecken. Sie werden nicht mit Luft und Liebe bezahlt. Das führt mich zu dem Gedanken einer Politisierung, auch auf dieser Konsumebene. Ganz kurios gedacht: Gibt es in Supermärkten irgendwann nicht nur Preisangaben, sondern findet man auf dem Etikett auch, welche politische Idee das produzierende Unternehmen unterstützt? Mit Microsoft-Produkten unterstütze ich die Bill Gates Foundation – mit der vermeintlich falschen Fast-Food-Kette die WM am vermeintlich falschen Ort?

Produktentscheidungen sind eine Wahl, im ganz demokratischen Sinne, und für vieles gilt das wohl schon jetzt. Es zeigt doch nur, dass (mal wieder) alles politisch ist – es aber auch schon immer so war. Ich glaube nicht, dass man sich diesen Tendenzen entziehen kann, und auch nicht, dass man sich ihnen entziehen sollte. Vielleicht sollte man sich dessen aber, neben der ganzen Aufregung, einfach mal bewusst werden.

Wir kleinen Römer.

Vorgestellt

Ehrlich gesagt, ich habe ziemlich hohe Ansprüche an das, was ich schreibe und von mir gebe. Ich glaube, dass vollkommene Texte durchaus existieren können – und so ärgere ich mich über jeden Fehler und jede Inkonsequenz. Es ist wieder einmal so weit: neuer Blog, neue Ideen, neue Vorsätze.

Die letzten Tage und Wochen ging es bei mir, zumindest im Bereich Twitter, Blogs & Co., etwas ruhiger zu. Das hatte vordergründig mit der Abgabe meiner Bachelor-Arbeit zu tun. Doch gleichzeitig wollte ich die Entwicklungen einmal ein wenig aus der Distanz verfolgen. So mischte ich mich beispielsweise in keine einzige Diskussion um und über PEGIDA ein.

Spätestens nach den Anschlägen von Paris fehlten mir die Worte dann jedoch gänzlich, ob ich wollte oder nicht. Auch für mich waren das unfassbare Tage und die Reaktionen von den politischen Rändern waren so vorhersehbar wie traurig. Gleichwohl bemerkte ich einen Druck, sich abgrenzen und positionieren zu müssen. Als wäre es nicht selbstverständlich, dass man mit dem Herzen und im Gebet bei den Opfern dieser grässlichen Attacke ist und die Angriffe verurteilt.

Manchmal sollte man vielleicht einfach einen Schritt zurück treten. Ein anderes großes Thema ist die laufende Generationen-Debatte. Auch in diesem Bereich spüre ich eine latente Forderung nach Positionierung und ich muss zugeben, dass es mir dabei oft unter den Nägeln brennt. Es scheint einen journalistischen Drang zu geben, die Dinge unbedingt auf das Minimum herunter zu brechen. Vielleicht ist das gemeinsame Ereignis dieser Generation aber, dass es gar kein großes, zusammenführendes Ereignis gibt. Natürlich weiß jeder, was er oder sie am 11. September 2001 gemacht hat, jedoch muss die Frage erlaubt sein: Gab es eine direkte gesellschaftliche Folge für die jungen Menschen, gerade in Deutschland? Dieses Datum und diese Zäsur ist meiner Meinung nach nicht mit der Generation der 1980er Jahre und „ihrem“ Mauerfall vergleichbar. Aber das nur als kleiner Teaser, denn dieses Thema verlangt eine tiefere Widmung, zumal Altersgenossen ja ganze Bücher damit füllen. Jedenfalls nervt mich dieses ganze Y-Ding zunehmend und ich finde, an vielen Stellen sind die Mutmaßungen und Antworten schlicht zu einfach.

Im Zuge der Diskussion um die Lügenpresse (ein Begriff, den ich nun wirklich hässlich finde) habe ich mir ebenso Gedanken um meine Mediennutzung gemacht. Ich habe den Versuch gewagt für ein paar Wochen auf die Spiegel Online-App zu verzichten, die ich – zu meinem Leidwesen – fast schon im Automatismus nutzte. Fast täglich ärgerte ich mich jedoch über die dortige Berichterstattung: angefangen hat es insbesondere mit Überschriften, die nicht das betitelten was sich im Text wiederfand. Man hat dann schon teilweise das Gefühl, es kommt nur auf den Klickgewinn und weniger auf den Inhalt an. Die Tagesschau-App und ich sind leider trotzdem nicht warm geworden. Jetzt bin ich gerade dabei, es mal komplett ohne diesen zwischenzeitlichen Nachrichtenkonsum zu probieren. Lieber einmal eine halbe Stunde am Tag bewusst die Nachrichten verfolgen, als immer mal wieder fünf Minuten, in denen man dann aber nicht sonderlich intensiv bei der Sache ist. Verstärkt wird das ganze natürlich durch die Eilmeldungswut. Was habe ich eigentlich davon, sofern ich nicht Bundeskanzler bin, irgendetwas als Erster zu wissen?

So ziehen sich die Themen momentan etwas wie Kaugummi. Warten wir mal ab, was sich in den nächsten Tagen so ergibt, und ob mich die Lust auf das Bloggen wieder packt. Über Dich als Leser würde ich mich jedenfalls sehr freuen.

Betreff: Tugendfuror

Dieser Text erschien in dieser Form am 5. März 2013 auf meinem Vorgängerblog.

Liebe Medien,

Gott sei Dank wurden meine Gebete erhört und die Würde des Amtes ist unverletzt geblieben: Joachim Gauck ist weiterhin Präsident der Bundesrepublik Deutschland. Ich hatte ehrlich Angst, denn heutzutage ist schließlich alles möglich.

Die Empörungsmaschinerie hatte schon wieder an Fahrt aufgenommen, nachdem Gauck im Spiegel den Begriff „Tugendfuror“ erwähnte. Es ging um den öffentlichen Umgang mit Rainer Brüderle. Tugendfuror 2.0 ist aber ausgeblieben und Gauck blieb verschont. Vorerst. Vielleicht ja auch, weil ihr Euch ein wenig ertappt gefühlt habt und in einem schwachen Moment dachtet: „Okay, vielleicht übertreiben wir es manchmal doch ein wenig.“

Ich bin mir dessen aber keineswegs sicher, deswegen sind die nächsten Zeilen unvermeidlich. Es liegt mir etwas auf dem Herzen, liebe Medien, es geht um Euer Handeln bei Skandalen. Vor allem, weil ihr Euch immer so gerne darauf beruft die Hüter der Demokratie zu sein, objektiv zu berichten, keine Hetze zu betreiben. Aber genau das ist falsch. Habt ihr ein Opfer auserkoren, seid ihr nicht mehr zu bremsen.

Und so kommt es, dass ihr immer weniger hütet und beschützt; viel lieber zerstört ihr Menschen, macht die Demokratie mit boulevardeskem Schrott kaputt: Mit Scheininformationen, die zu nichts führen, außer zum Niedergang einer bestimmten Person, einer bestimmten Institution, einer bestimmten Sache. Es sind Skandale und Debatten, deren einziger Wert die Unterhaltung ist. Dabei entstehen tonnenweise Artikel, wiederaufbereiteter Müll, umformulierte Agenturmeldungen. Ein einziger zäher Einheitsbrei, wohin man blickt, wohin man liest. Dann sagt ihr, der Betreffende wurde nicht in die Öffentlichkeit gezwungen, er muss mit den Konsequenzen, den Erwartungen, damit muss er leben. Aber euch, liebe Medien, zwingt doch auch niemand dazu jemanden niederzumachen und niederzuschreiben.

Ihr seid auch nicht objektiv, weil das gar nicht funktioniert, gar nicht funktionieren kann; wie könntet ihr es überhaupt sein? Medien, seid ehrlich, ihr seid von Menschen gemacht, simplen Subjekten. Tut wenigstens nicht so, als würdet ihr sachlich sein. Es geht um Klicks, um Likes, um Aufmerksamkeit. Darum, Leser für einen Moment zu fesseln, um sie womöglich langfristig zu binden, ihnen Werbeeinblendungen zu zeigen und damit Geld zu verdienen. Es ist Euch so unendlich egal, welche Sau ihr dafür vor Euch her treibt, so lange es sich profitiert, sich das für euren Auftraggeber rentiert. Es ist auch nicht schlimm, aber wenigstens ehrlich könntet ihr sein.

Und ihr hetzt, weil es nun mal Hetze ist, wenn man berichtet, obwohl es nichts zu berichten gibt. Wenn man tagelang meldet, wer, was, zu wem und warum sagt oder gesagt hat. Wenn man sich billige Worte aus den Fingern saugt, die keinen Inhalt haben. Wenn Umfragen gemacht, Deutschland-Trends produziert, Wortmeldungen eingeholt, Fragespiele ausgedacht werden.

Bin ich ein/e Brüderle?, fragt beispielsweise Bild um den Leser zu einem Brüderle-selbst-Test zu animieren. Ich frage: Meint ihr das ernst? Wenn es wirklich um das Thema ginge, wenn ihr etwas beizutragen hättet, wenn ihr die Gesellschaft verbessern wolltet, dann bräuchtet ihr keinen Brüderle, ihr bräuchtet keinen Wulff.

Sondern ihr würdet sagen: Es gibt ein Sexismusproblem in diesem Land. Frauen werden benachteiligt, in Büros begrapscht, alte Männer flirten junge Frauen despektierlich an. Das ist ein Problem, wir wollen das ändern. Ihr würdet sagen: Es gibt korrupte Politiker. Es gibt Politiker, die haben ein Amt, von ihnen wird moralisch mehr erwartet als von anderen, aber sie halten sich nicht daran. Das ist ein Problem, lasst uns darüber reden. Ihr würdet recherchieren, Dinge benennen, aber ihr tut es nicht, sondern ihr zerstört in dieser Zeit, mit diesen Ressourcen, lieber die betreffende Person. Weil das einfacher ist. Und auch, weil ihr schlicht über die Möglichkeiten verfügt.

Ihr macht das mit einer Arroganz, mit einer angeblichen Unfehlbarkeit, die für jeden gilt außer für Euch selbst. Mit einer Arroganz, die suggeriert, dass ihr für alle sprecht. Aber, liebe Medien, diejenigen die Euch schaffen, sind politisch eher links als rechts, sie sind seltener verheiratet, häufiger geschieden, sie haben weniger Kinder, sie sind besser gebildet als der Durchschnitt. Vielleicht trinken sie auch mehr Alkohol und gehen später ins Bett. Es sind Tatsachen, naheliegende Vermutungen, die zu dem Schluss kommen, dass es Tugendfuror, die Hysterie um Ausrutscher bekannter Personen, schlussendlich eben doch gibt, dass Gauck schlussendlich Recht hat.

Vielleicht seid ihr gar nicht Schuld, sondern es gibt böse Menschen in bösen Redaktionen die Böses verlangen. Aber wäre es nicht umso sinnvoller, sachliche Artikel über Verfehlungen zu schreiben? Zu fragen, welche Konsequenz eine bestimmte Verfehlung nach sich ziehen sollte? Glaubt ihr wirklich, die Menschen wollen alle paar Wochen eine Hetzjagd sehen?

Wie auch immer die Antwort ausfällt: Ihr bewertet lieber sofort, stellt Urteile aus, straft Menschen ab. Nach einem erdachten Moralkodex, einem Tugendverständnis, das nirgendwo festgeschrieben ist, dessen Inhalt lediglich vermutet werden kann. Ist jemand prominent, erhält er oder sie ein wichtiges Amt, begeht einen skandaltauglichen Fehler – dann geht es vielleicht los, mit dem Tugendfuror. Am Ende steht die Person zumeist hingerichtet da. Allerdings nicht physisch, nicht mental, sondern: sozial.

Ist das wirklich alles, was ihr könnt?

Herzliche Grüße.