Betreff: Tugendfuror

Dieser Text erschien in dieser Form am 5. März 2013 auf meinem Vorgängerblog.

Liebe Medien,

Gott sei Dank wurden meine Gebete erhört und die Würde des Amtes ist unverletzt geblieben: Joachim Gauck ist weiterhin Präsident der Bundesrepublik Deutschland. Ich hatte ehrlich Angst, denn heutzutage ist schließlich alles möglich.

Die Empörungsmaschinerie hatte schon wieder an Fahrt aufgenommen, nachdem Gauck im Spiegel den Begriff „Tugendfuror“ erwähnte. Es ging um den öffentlichen Umgang mit Rainer Brüderle. Tugendfuror 2.0 ist aber ausgeblieben und Gauck blieb verschont. Vorerst. Vielleicht ja auch, weil ihr Euch ein wenig ertappt gefühlt habt und in einem schwachen Moment dachtet: „Okay, vielleicht übertreiben wir es manchmal doch ein wenig.“

Ich bin mir dessen aber keineswegs sicher, deswegen sind die nächsten Zeilen unvermeidlich. Es liegt mir etwas auf dem Herzen, liebe Medien, es geht um Euer Handeln bei Skandalen. Vor allem, weil ihr Euch immer so gerne darauf beruft die Hüter der Demokratie zu sein, objektiv zu berichten, keine Hetze zu betreiben. Aber genau das ist falsch. Habt ihr ein Opfer auserkoren, seid ihr nicht mehr zu bremsen.

Und so kommt es, dass ihr immer weniger hütet und beschützt; viel lieber zerstört ihr Menschen, macht die Demokratie mit boulevardeskem Schrott kaputt: Mit Scheininformationen, die zu nichts führen, außer zum Niedergang einer bestimmten Person, einer bestimmten Institution, einer bestimmten Sache. Es sind Skandale und Debatten, deren einziger Wert die Unterhaltung ist. Dabei entstehen tonnenweise Artikel, wiederaufbereiteter Müll, umformulierte Agenturmeldungen. Ein einziger zäher Einheitsbrei, wohin man blickt, wohin man liest. Dann sagt ihr, der Betreffende wurde nicht in die Öffentlichkeit gezwungen, er muss mit den Konsequenzen, den Erwartungen, damit muss er leben. Aber euch, liebe Medien, zwingt doch auch niemand dazu jemanden niederzumachen und niederzuschreiben.

Ihr seid auch nicht objektiv, weil das gar nicht funktioniert, gar nicht funktionieren kann; wie könntet ihr es überhaupt sein? Medien, seid ehrlich, ihr seid von Menschen gemacht, simplen Subjekten. Tut wenigstens nicht so, als würdet ihr sachlich sein. Es geht um Klicks, um Likes, um Aufmerksamkeit. Darum, Leser für einen Moment zu fesseln, um sie womöglich langfristig zu binden, ihnen Werbeeinblendungen zu zeigen und damit Geld zu verdienen. Es ist Euch so unendlich egal, welche Sau ihr dafür vor Euch her treibt, so lange es sich profitiert, sich das für euren Auftraggeber rentiert. Es ist auch nicht schlimm, aber wenigstens ehrlich könntet ihr sein.

Und ihr hetzt, weil es nun mal Hetze ist, wenn man berichtet, obwohl es nichts zu berichten gibt. Wenn man tagelang meldet, wer, was, zu wem und warum sagt oder gesagt hat. Wenn man sich billige Worte aus den Fingern saugt, die keinen Inhalt haben. Wenn Umfragen gemacht, Deutschland-Trends produziert, Wortmeldungen eingeholt, Fragespiele ausgedacht werden.

Bin ich ein/e Brüderle?, fragt beispielsweise Bild um den Leser zu einem Brüderle-selbst-Test zu animieren. Ich frage: Meint ihr das ernst? Wenn es wirklich um das Thema ginge, wenn ihr etwas beizutragen hättet, wenn ihr die Gesellschaft verbessern wolltet, dann bräuchtet ihr keinen Brüderle, ihr bräuchtet keinen Wulff.

Sondern ihr würdet sagen: Es gibt ein Sexismusproblem in diesem Land. Frauen werden benachteiligt, in Büros begrapscht, alte Männer flirten junge Frauen despektierlich an. Das ist ein Problem, wir wollen das ändern. Ihr würdet sagen: Es gibt korrupte Politiker. Es gibt Politiker, die haben ein Amt, von ihnen wird moralisch mehr erwartet als von anderen, aber sie halten sich nicht daran. Das ist ein Problem, lasst uns darüber reden. Ihr würdet recherchieren, Dinge benennen, aber ihr tut es nicht, sondern ihr zerstört in dieser Zeit, mit diesen Ressourcen, lieber die betreffende Person. Weil das einfacher ist. Und auch, weil ihr schlicht über die Möglichkeiten verfügt.

Ihr macht das mit einer Arroganz, mit einer angeblichen Unfehlbarkeit, die für jeden gilt außer für Euch selbst. Mit einer Arroganz, die suggeriert, dass ihr für alle sprecht. Aber, liebe Medien, diejenigen die Euch schaffen, sind politisch eher links als rechts, sie sind seltener verheiratet, häufiger geschieden, sie haben weniger Kinder, sie sind besser gebildet als der Durchschnitt. Vielleicht trinken sie auch mehr Alkohol und gehen später ins Bett. Es sind Tatsachen, naheliegende Vermutungen, die zu dem Schluss kommen, dass es Tugendfuror, die Hysterie um Ausrutscher bekannter Personen, schlussendlich eben doch gibt, dass Gauck schlussendlich Recht hat.

Vielleicht seid ihr gar nicht Schuld, sondern es gibt böse Menschen in bösen Redaktionen die Böses verlangen. Aber wäre es nicht umso sinnvoller, sachliche Artikel über Verfehlungen zu schreiben? Zu fragen, welche Konsequenz eine bestimmte Verfehlung nach sich ziehen sollte? Glaubt ihr wirklich, die Menschen wollen alle paar Wochen eine Hetzjagd sehen?

Wie auch immer die Antwort ausfällt: Ihr bewertet lieber sofort, stellt Urteile aus, straft Menschen ab. Nach einem erdachten Moralkodex, einem Tugendverständnis, das nirgendwo festgeschrieben ist, dessen Inhalt lediglich vermutet werden kann. Ist jemand prominent, erhält er oder sie ein wichtiges Amt, begeht einen skandaltauglichen Fehler – dann geht es vielleicht los, mit dem Tugendfuror. Am Ende steht die Person zumeist hingerichtet da. Allerdings nicht physisch, nicht mental, sondern: sozial.

Ist das wirklich alles, was ihr könnt?

Herzliche Grüße.

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