Wir kleinen Römer

Wie wohl die meisten, finde auch ich persönlich die (voraussichtliche) Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 im Emirat Katar sinnlos und unwürdig. Als Freund der Menschenrechte und der Menschenwürde kann ich diese Vergabe einfach nicht gutheißen. Ich glaube, das ist ziemlich logisch und nachvollziehbar. Trotzdem fallen mir bei der Berichterstattung und den Reaktionsweisen einige Mechanismen auf, die ich an dieser Stelle kommentieren und einordnen möchte.

Es ist ja eigentlich unerklärt, wie wir heute darauf kommen, dem Sport eine Art von Unschuld anzudichten. Der sportliche Wettbewerb war nie Friede, Freude, Eierkuchen. Zumindest komme ich auf diese Idee, wenn ich historisch zurückblicke. Schon die Olympischen Spiele der Antike waren mehr als ein sportlicher Streit zwischen Athleten. Sie waren religiöses, kulturelles und politisches Großereignis – und kein karitativer Selbstzweck. Im Geschichtsunterricht habe ich außerdem gelernt, dass ebenso die Athleten keinesfalls aus der Mitte der Gesellschaft stammten. Teilnehmer konnte schlussendlich nur werden, wer in der Lage war, sich die Mühe und das Training zu leisten. Am Ende stand natürlich der noch größere Ruhm. Aber ist es hier möglich von einer Form der sportlichen Demokratie zu sprechen? Die Vermutung liegt nahe, dass wir dem Zustand des offenen und für jeden zugänglichen Sports in der heutigen Zeit wesentlich näher sind als in der damaligen. Nur irgendwie applaudiert dafür niemand.

Brot und Spiele, dieser Ausspruch existiert wohl seit den Römern. Ich glaube, dass diese kurze Formel eine Vielzahl von Aspekten ignoriert. Doch beschreibt sie sehr griffig, wie einfach die Befriedigung von gesellschaftlichen Bedürfnissen erfolgen kann. Es ist immer wieder spannend zu beobachten (und mich selbst nehme ich dabei nicht aus), wie der Sport uns instrumentalisiert – und gleichzeitig instrumentalisiert wird. Im heutigen WDR 5-Tagesgespräch war davon die Rede, dass der Anpfiff bei einem WM-Spiel die Öffentlichkeit in einen anderen – vielleicht neuen? – Aggregatzustand versetzt. Da ist sicher was dran, und sicherlich wissen sportliche Großorganisationen und ihre Entscheider darum. Es kann im Vorfeld viel geschrieben, kritisiert und gestorben werden. Wir sind Menschen und wir vergessen schnell. Und sofern die eigene Mannschaft gewinnt, vergessen wir noch schneller.

In diesen Momenten tendiere ich zu der Meinung, dass wir dem kritisierten Gesellschaftszustand von Brot und Spielen näher sind, als wir uns das wünschen. Ich denke, so unglaubwürdig wie sich sportliche Organisationen machen, so unglaubwürdig machen sich Gesellschaften, die wiederkehrend in Hysterie verfallen, aber nicht in der Lage sind, daraus Folgerungen zu ziehen.

Nein, unpolitisch wird der Sport nie sein. Aber wie wäre es wohl, die Vergabe nach Katar isoliert und ohne Vorbelastung zu betrachten? Es wird schließlich die erste Weltmeisterschaft auf arabischem Boden sein, noch dazu wird sie zum ersten Mal im Winter stattfinden. Ironischerweise meldete sich ein erboster Hörer in besagter WDR 5-Sendung und verkündete aufgebracht, eine WM im November und Dezember würde nicht nur die Zeitpläne der Ligen, sondern auch seine ganz persönlichen Vorhaben (Sportschau gucken, Weihnachtsmarkt besuchen) durcheinander werfen. Ich witterte bereits, dass die Terminierung am Ende noch als Angriff auf die abendländische Kultur gewertet würde; ein Bogen, den ich – man möge es mir verzeihen – gerade kurzzeitig spannen musste.

Sonst heißt es immer, die FIFA wäre ein angestaubter und sturer Verein. In diesem Fall, wo ja alles anders werden soll, wird sie für ihre mutige Entscheidung jedoch nicht beglückwünscht. Aber die FIFA traut sich was, und so falsch kann das doch eigentlich nicht sein. Oder?

Ich glaube nicht, dass man etwas gegen Katar als faktische Entscheidung haben kann. Das Streben nach Anerkennung, auch über den Sport, ist gerade in Anbetracht der Politisierung legitim. Auch die WM in Deutschland wurde nicht auf Grund ihrer Sportlichkeit, sondern ihrer positiven gesellschaftlichen Auswirkung gelobt und hervorgehoben. So kann es meiner Ansicht nicht um das Ob, sondern um das Wie gehen. Auch mir scheint es unmöglich, die Augen vor den Menschenrechtsverletzungen zu verschließen, ebenso, wie vor der offenbaren Korruption. Ich habe aber auch etwas dagegen, dass in den USA die Todesstrafe verhängt wird; dass es in China im Vorfeld der Olympischen Spiele zu Umsiedlungen kam; dass es vor der Fußball-WM in Brasilien Ausschreitungen und Verletzungen gab – auch die Ziele der Menschen dort blieben, so weit ich informiert bin, weitestgehend unerfüllt und verpufften, wie der Lärm der Massen im Stadion. Es ist die ewige Frage nach dem Wert und der Vergleichbarkeit von Ungerechtigkeit, Leben und Tod.

Ich komme zu der Einsicht, dass es mehr „schlechte“ als „gute“ Länder auf der Welt gibt. Aber am Ende wird immer ein Argument Bestand haben: auch diesen Ländern, auch diesen Bevölkerungen, gehört der Sport. Wer wären wir, zu entscheiden, welcher Staat die Austragung einer Veranstaltung verdient und welcher nicht? Der Großteil der Menschheit kann sich seine Lebensrealität nunmal nicht aussuchen. Wo fängt das Ausschließen an – und wo hört es auf? Ich zumindest finde keine befriedigende Antwort auf diese Frage.

Ein wiederkehrender Vorwurf lautet, dass die Kommerzialisierung den sportlichen Wettbewerb kaputtmacht. Für mich bleibt nicht nachvollziehbar, welche Wirtschafts- oder auch Gesellschaftsidee diesem Gedanken zugrunde liegt. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass tägliches Schinden im Bereich des Leistungssports völlig unentgeltlich (oder lediglich staatlich subventioniert) stattfinden sollte. Am Ende sind die Sponsoren die Lebensversicherungen von Athleten, und es ist gut, dass es sie gibt. Nähern wir uns dem Fußball, so ist die Masse an potentiellen Talenten einfach so groß, dass sich das entsprechend im Gehalt niederschlägt. Angesichts der Vielzahl an gescheiterten Karrieren sollte doch jeder wissen, worauf er oder sie sich einlässt. Ich hege zudem durchaus Sympathien für das amerikanische College-System, welches Bildung und Sport in direkten Zusammenhang bringt und die sportlichen Werte auf diese Art und Weise fördert.

Die Konsequenz, dass wir Verbraucher den Sport finanzieren, ist nicht neu. Jeder kennt die großen Banner in Stadienrängen oder über Rennstrecken. Sie werden nicht mit Luft und Liebe bezahlt. Das führt mich zu dem Gedanken einer Politisierung, auch auf dieser Konsumebene. Ganz kurios gedacht: Gibt es in Supermärkten irgendwann nicht nur Preisangaben, sondern findet man auf dem Etikett auch, welche politische Idee das produzierende Unternehmen unterstützt? Mit Microsoft-Produkten unterstütze ich die Bill Gates Foundation – mit der vermeintlich falschen Fast-Food-Kette die WM am vermeintlich falschen Ort?

Produktentscheidungen sind eine Wahl, im ganz demokratischen Sinne, und für vieles gilt das wohl schon jetzt. Es zeigt doch nur, dass (mal wieder) alles politisch ist – es aber auch schon immer so war. Ich glaube nicht, dass man sich diesen Tendenzen entziehen kann, und auch nicht, dass man sich ihnen entziehen sollte. Vielleicht sollte man sich dessen aber, neben der ganzen Aufregung, einfach mal bewusst werden.

Wir kleinen Römer.

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