Berliner und Nutella

Ein unglaublich imponierender Gedanke. Vielen Menschen wäre es jederzeit möglich, den nächsten großen weltverändernden Klassiker zu schreiben, der die Literatur für die kommenden Jahrhunderte nachhaltig prägen würde. Was braucht man dafür? Ein Blatt Papier und einen Stift, eine Hand, die Gedanken zu Worten formen kann. Als ich in der Grundschule das Schreiben lernte, vielleicht auch etwas früher, war ich mir dieser enormen zivilisatorischen Kraft überhaupt nicht bewusst. Erst mit den Jahren wird klar, was es bedeutet: Wir alle haben das Werkzeug, um zum nächsten Shakespeare zu werden; was man braucht liegt – in verschiedenen Formen – unachtsam auf unseren Tischen und in unseren Köpfen herum.

Wahrscheinlich geschieht der Versuch, das neue Romeo & Julia zu schreiben, jeden Tag tausendfach und viele Menschen haben die Hoffnung, der oder die Auserwählte zu sein. Weltweiter Ruhm, vielleicht sogar zu Lebzeiten. Viel mehr als ein Lottogewinn. Aber es ist verflucht gemein, wie viele Hürden im Wege stehen. Es liegt ja nicht nur am perfekten Schreiben – jemand muss es außerdem lesen wollen und dem Ganzen eine Chance geben. Vermutlich können wir uns dennoch darauf einigen, dass das Vorhandensein von Schreibmaterialien und Sprachen, derer die Menschen mächtig werden können, ein zutiefst sozialer Fakt ist. Im wohlhabenden Teil der Welt gehört Sprache jedem, sie wird niemandem vorenthalten, keiner wird ausgeschlossen. Sie ist ein Allgemeingut sondergleichen. Zumindest – theoretisch.

Vor einiger Zeit habe ich herausgefunden, dass das Musical My Fair Lady, welches auf dem Schauspiel Pygmalion von George Bernard Shaw beruht, eine besonderes Beispiel für die durchschlagende Wirkung von Kommunikation ist. In dieser Komödie geht es um ein Blumenmädchen namens Eliza, die durch die Sprachausbildung des Professors Henry Higgins zur Herzogin aufsteigen soll. Die Rollen sind klar verteilt: auf der einen Seite die feine und gehobene Gesellschaft, auf der anderen das Mädchen aus einfachen Kreisen – sie muss mühevoll erlernen, was anderen Menschen in die Wiege gelegt wird. Die meisten hegen wohl automatisch Verständnis und Sympathie für Eliza.

Wenn wir heute von sozialer Gerechtigkeit sprechen, dann sind wir dieser Komödie ziemlich nah. Es kann nicht darum gehen, in welchen Verhältnissen jemand geboren wird; es kann nur darum gehen, dass der Aufstieg möglichst jeder Person zumindest offen steht. In Bezug auf My Fair Lady stellt sich augenblicklich die Gretchenfrage. Gesetzt den Fall, der Aufstieg wäre nur durch sprachliche Anpassung möglich – ist Sprache dann nicht nur reine Fassade? Und im Umkehrschluss: Ist die gehobene Schicht vielleicht gar nicht so elitär, sondern lediglich eine Gruppe, die verzweifelt nach Machterhalt und Abgrenzung strebt? Dazu ist natürlich auch Kommunikation ein hervorragendes Mittel.

Sprache gehört zwar jedem, doch der Umgang mit ihr ordnet uns automatisch bestimmten Schubladen zu. Es gibt einen Unterschied dazwischen, eine Sprache zu sprechen oder aber eine Sprache zu sprechen. Dieser Effekt begegnet mir jedenfalls auch heute immer wieder. Es liegt wahrscheinlich tief in unseren Wurzeln, dass wir mit manchen Dialekten und Aussprachen fremdeln und jene Person als nicht zu-uns-gehörig einordnen. Ich glaube nicht, dass sich dahinter böser Wille verbirgt. Aber ich stelle es für mich fest.

Heute schwindet die Kraft dieser Barriere, und als politischer Mensch beschäftigt mich natürlich vor allem diese Dimension. Der demokratische und aufklärerische Gedanke – dass die Macht nicht nur vom Volke ausgeht, sondern auch von Teilen des Volkes ausgeübt werden soll – findet sich beispielsweise im Begriff der Sprache des Volkes wieder. Abgeordnete werden entsprechend entlohnt: es sollen eben keine ‚Fürsten‘ sein, die sowieso nichts besseres zu tun haben, als sich mit Intrigen und Gesetzen zu beschäftigen. Mancher Politiker bemüht sich folgerichtig darum, jene Sprache des Volkes zu sprechen – und auf der anderen Seite gibt es erfreulicherweise immer mehr von denen, die sich nicht bemühen müssen, sondern es einfach können.

Ich erinnere mich beispielsweise auch daran, dass Angela Merkel im Jahre 2013 eine Menge Sympathien erntete, als sie öffentlich berichtete, gerne Kartoffelsuppe und Rouladen zu kochen. Es scheint öfters so, als bräuchte die Öffentlichkeit einen Beweis für die Normalität ihrer Führungspersonen, Stars, Sternchen und Promis. Dass Sigmar Gabriel beim Penny Pfandflaschen abgibt, ja, das ist ein kurioser, doch irgendwie auch erstaunlich normaler Gedanke. So wird aber auch jeder amerikanische Schauspieler dazu gezwungen, einen beliebigen Satz auf Deutsch zu sagen. Aus irgendeinem Grund scheinen wir das toll zu finden.

Es passiert aber noch mehr erfreuliches, denn durch das gesellschaftliche Zusammenwachsen geschieht auch eine sprachliche Annäherung, gefördert durch Mobilität im Studium und Job. Wir streiten uns herzlich darüber, ob es Berliner oder Pfannkuchen, Brötchen oder Wecken, die oder das Nutella heißt. Unsere sprachlichen Debatten haben sich folglich verändert. Aber haben sich sprachliche Parallelstrukturen dadurch aufgelöst? Ich für meinen Teil finde zumindest, dass sie sich in der Auflösung befinden.

Übrigens. Das Blumenmädchen Eliza fiel dann doch negativ auf: im Fluchen vergaß sie ihre neuerlernten, guten Manieren. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie groß der Anteil aktueller Debatten in vermeintlich altem Stoff ist. Und auch eine weitere, persönliche Randbemerkung sei an dieser Steller erlaubt. Es heißt natürlich Berliner und die (!) Nutella. Bei der Sprache können wir alle mitmischen.

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