Vorauseilend Gehorsam

Unsere Debattenkultur befindet sich im Prime-Modus; ganz umsonst und nicht per Post. Heute wird sich aufgeregt, das Ergebnis schon am nächsten Tag gefeiert, frenetisch und kollektiv. Und weil alle mitmachen, ist das natürlich richtig. Laptop aufgeklappt, Glücksschrei, denn der Hype ist da. Nebenbei wird der Kapsel-Kaffee ganz in Ruhe ausgetrunken.

Prozesse der Meinungsbildung durchlaufen keine natürliche Entwicklung mehr. Einsichten entstehen nicht von innen heraus, sondern werden von außen gefordert und Wort für Wort diktiert. Die Erwartung ist so groß, dass nicht mehr gewartet werden kann. Alle wollen alles von jedem, und das schneller, früher und besser. Was die eigene Person damit zu tun hat, ist zweitrangig. Ich bin, also darf ich verlangen – so einfach kann es sein. Die Möglichkeit der Teilnahme wird zur Berechtigung der eigenen Erhebung über andere. Überall selbsternannte Experten, die nicht zweifeln, sondern wissen; lieber urteilen, als abwägen.

Das Klima ist rau. Vordergründig nicht, aber das war es nie. Views are my own, RTs not endorsements; doch jene Twitter-Profile erscheinen öffentlich und bleiben mit der Person und ihrem Gefüge verbunden. Facebook-Profile sind nur für Freunde sichtbar; wie gut, dass es Screenshots gibt und das WhatsApp-Foto für jeden sichtbar ist. Die Kosten einer Meinung scheinen gestiegen zu sein, oder warum diese pflichtbewusst-korrekten Zäune in unseren digitalen Spiegelbildern? Letztlich würden diese kleinen Rettungsanker von jedem Windchen umgestoßen. Es wurde oft genug bewiesen.

Manche Diskussion scheint aus dem Schnellkochtopf entsprungen. Aus Versprechern werden Vorsätze, aus Fehlern Standpunkte und Haltungen. Nur die durchdachte Argumentation leidet, denn für sie gibt es nicht genügend  Zeit, Energie und Ressourcen. Gefragt wird wenig, Fehler nicht zugegeben. Kein Politiker sitzt in einer Talkshow und sagt: „Wirklich? Das hat mir mein Referent aber anders gesagt.“ Auch Entwicklungen scheinen nicht erlaubt. Papier wird welk, aber unsere Bildschirme nicht. So scheint jeder unserer digitalen Bausteine zeitlos zu sein. Doch die Menschen, die sie schufen, sind es nicht. Sie durchlebten währenddessen Phasen und veränderten sich.

Irren ist menschlich, Fehler passieren. Wahre Sprüche vom Scheitern werden geteilt und sich in die Küche gehangen. Einmal mehr aufstehen als hinfallen – das Erfolgsrezept. Die Realität von Menschen, die ins öffentliche Kreuzfeuer geraten, ist eine andere. Sie entschuldigen sich, vorauseilend, schnell und sofort. Bei wem eigentlich, und warum so augenblicklich? Fällt denn nicht auf, dass eine Entschuldigung Einsicht erfordert – und Einsicht mit Zeit verbunden ist?

Laufend hagelt es Quittungen, doch die Doppelmoral scheint zu siegen. Angeklagte werden zuvor kaputt geschrieben, doch über die flaue Strafe wird sich im Nachhinein beschwert. Meinung und Teilhabe werden gefordert, aber wenn sie geäußert und in Anspruch genommen wurden, ist es der falsche Moment oder der falsche Rahmen. Wir wollen meinungsstarke Menschen mit Haltung, die vieles kritisch betrachten und verstehen, nur bitte nicht die Struktur der eigenen Organisation, Partei, Firma.

Der Ratschlag der vorauseilenden Anpassung bewährt sich. Der Versuch etwas einzuholen, das sich noch gar nicht manifestiert hat. Der Versuch, aus den Erfahrungen anderer zu gewinnen. Wir alle kennen Beispiele: aktuelle, weniger aktuelle – kommende. Tilo Jung entschuldigt sich für ein geschmackloses, aber dennoch bedeutungsloses Instagram-Foto; der grüne Ehrenamtler Jörg Rupp für einen Tweet über Dekolleté und Beine von Katja Suding. Zuletzt bat auch das ZDF um Verzeihung: für das vermeintlich braune Hemd eines Moderators. Jedenfalls ein Paradebeispiel der derzeitigen Absurdität. Denn was folgt dann? Die Entschuldigung dafür, dass sich entschuldigt wurde – und wenn es wiederum dafür Gegenwind gibt..? Es geht nicht um Sympathien, es geht um das Verhältnis.

Dies schafft ein Klima, das einer vielfältigen Gesellschaft nicht würdig ist. Wir glauben schon vorher zu wissen, was kommen wird und erzeugen damit einen Kreislauf selbsterfüllender Prophezeiung, an dessen Ende die Empörung der Empörten steht.

Ich beobachte diesen Prozess und ich verstehe, dass jemand im Visier nur eines will: nämlich Ruhe und Frieden. Aber ehrlich – das ist ein falsches Signal. Man kann sich nunmal nicht davor schützen, dass jemand etwas absichtlich falsch versteht. Beginnen wir damit, uns im Vorhinein zu entschuldigen, schaffen wir ein Fundament für diese Form der absichtlichen Erregung. Das kann nicht sein und das darf nicht sein. Einsicht die vom Einsehen kommt, immer gerne. Doch die erhält man nicht mit Mistgabeln und Fackeln.

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