Dein Leben

Du lebst Dein Leben. Ein gutes Leben. Du lebst in Deutschland. Mitten im Wohlstand; in einem der reichsten Staaten der Welt. Es war nie friedvoller als heute.

Du hast Freiheiten. Du genießt sie; jeden Tag.

Wenn Du Hunger hast, gehst Du zum Kühlschrank. Wenn Dir kalt ist, drehst Du die Heizung auf. Wenn Dein Smartphone keinen Akku mehr hat, lädst Du es. Wenn die Woche anstrengend war, gehst Du in ein Restaurant. Wenn Du etwas wissen willst, öffnest Du Wikipedia. Wenn Du Angst hast, guckst Du aus dem Fenster. Wenn Du wirklich Angst hast, rufst Du die Polizei.

Wenn die Sonne scheint, ziehst Du ein T-Shirt an. Kurze Kleider, damit die warme Luft Deinen Körper umschmeichelt. Wenn es wirklich warm ist, gehst Du ins Schwimmbad. Du riechst die Fritteuse. Das Frittenfett. Das Chlor. Du erinnerst Dich an Deine Jugend. An Deine Kindheit. Das Dorf. Die Stadt. Hier und da, es gab Probleme. Aber nichts Weltbewegendes.

Aber etwas stört Dich. Aber noch ist das egal.

Du gehst zur Schule. Du machst eine Ausbildung. Du gehst zur Arbeit. Du bekommst Dein Geld; erst Taschengeld, dann Lohn. Aber auch Kindergeld, Erziehungsgeld, Pauschalen, Steuererstattungen – ja, auch das. Oftmals musst Du Dich noch nicht einmal um etwas kümmern. Der Staat überweist es stillschweigend. Manchmal musst Du dich um etwas kümmern. Manchmal musst Du auch um etwas kämpfen. Manches geht so langsam. Du könntest das besser. Es nervt.

Die Erwachsenen regeln alles, sie sind allmächtig und allwissend – dachtest Du. Dann wurdest Du älter und hast verstanden: Alles nur Menschen. Jeder macht Fehler. Niemand weiß alles. Manche Einsichten und Ansichten hast Du übernommen, in anderen Punkten liegst Du ein wenig entfernt, bei manchen Meinungen unterscheidest Du Dich fundamental von Deiner Familie. Der Lauf der Dinge. Nicht alles wird in der Familie ausgetragen; manches schon.

Doch einen tiefen Graben zwischen Euch, den gibt es nicht.

Du wirst selbst Erwachsen. Jetzt hast Du Recht. Davon bist Du überzeugt.

Du hat angefangen Medien zu konsumieren. Zeitschrift, Fernsehen, Internet und Radio. Die Welt ist nicht nur Deine Stadt oder Dein Dorf. Die Welt ist riesig, gigantisch. Du schaust in Dein Shirt: Bangladesch. Du schaust in Deine Schuhe: China. Du schaust auf Dein Obst: Spanien. Du schaust auf Deinen Apfel: Deutschland. Du steigst ins Auto und fährst nach Paris oder Amsterdam, Wien oder Warschau oder Prag. Die Menschen sprechen andere Sprachen; die Menschen sind freundlich.

Alles ist so verdammt normal.

Menschen sterben. Du liest es in der Tageszeitung. Ein Autounfall. Irgendeine Autobahn, irgendeine Landstraße. Passiert. Pech gehabt. Du kennst einen, der einen kennt. Irgendwann kennst Du selbst einen; Du trauerst. Wie ungerecht.

Menschen sterben. Du siehst es im Fernsehen. Ein fernes Land. Eine Katastrophe: Mehr als hundert Tote. Ein Selbstmordattentat, ein Krieg, ein Konflikt. Schlimm, ja. Ihr sitzt vor dem Fernseher, ihr schüttelt kurz den Kopf.

Aber: Es ist so verdammt normal.

Du machst Dir Gedanken, irgendetwas stört Dich. Nur was?

Du sitzt in der Bahn und liest die Nachrichten. Du gehst auf Facebook und liest die Nachrichten. Du liest Blogs, und andere Seiten. Es ist ein freies Land, es gibt viele Meinungen.

Die Welt ist kompliziert. Warum ist sie bloß so kompliziert? Du bist nur ein kleines Wesen. Was zählst Du schon? Alles um Dich herum ist wichtiger, bedeutender. Das kann nicht sein; das darf nicht sein.

In den Jahren sind die Nachrichten zu einem losen Puzzle geworden. Du siehst die einzelnen Facetten, die einzelnen Bausteine; aber das ganze Puzzle? Keiner baut es für Dich zusammen. Jeder behauptet ein Puzzleteil zu besitzen; jeder möchte Dir sein Puzzleteil aufdrängen. Dein Kopf brummt. Wem kannst Du vertrauen?

Du bist doch ein Mensch. Du bist schlau. Das wird schon.

Du hast ein Gefühl im Bauch, schon wieder. Die Welt ist kompliziert und es passieren komische Dinge. Auf welcher Seite stehst Du? Auf keiner so wirklich. Die großen Grabenkämpfe sind vorbei.

Aber der 11. September. Jemand meinte mal, da stimmt was nicht. Auf N24 lief mal eine Dokumentation. Komisch. Und dann der Krieg im Irak. Da stimmte ja tatsächlich was nicht, das ist bewiesen. Die Amerikaner – kann man ihnen trauen? Guantanamo, das sollte doch geschlossen werden, meinte der Obama.

Dann der Putin, auch ein Schurke. Dann China, auch das sind Schurken. Und Nordkorea erst; und Atomwaffen haben sie.

Auch im Iran ist was los. Und in Afrika. Dir raucht der Schädel.

Und Deutschland, Deutschland darf man nicht vergessen: Silvester in Köln! Schlimm war das. Irgendwie auch seltsam. Das kam ja wie gerufen.

Letztens aber erst, dem einen Verbrecher. Dem konnten sie nichts beweisen, und der wurde dann freigelassen. Oder das andere Verbrechen; viel zu gering, diese Strafe! In welcher Relation steht das denn zu dem anderen Fall? Und überhaupt: Strafe. Die sollen doch mal an die Opfer denken. Wie fühlen die sich wohl? An die Opfer denkt mal wieder niemand.

Manchmal bekommst Du die Diskussionen mit. Ab und zu verfolgst Du Talkshows. Du liest in Deinen sozialen Netzwerken, was Leute denken.

Das mit der Angst, das kannst Du nachvollziehen. Jetzt ist der Terror schon in Europa. Du steigst in Dein Auto und fährst zur Arbeit. Du steckst im Berufsverkehr fest. Du gehst zum Bahnhof. Du gehst zum Flughafen. Du steigst in den Flieger, in den Zug oder in den Bus.

Du willst es Dir verkneifen. Aber der eine Mann sieht ziemlich arabisch aus. Du beobachtest ihn kurz. Dein Verdacht erhärtet sich nicht. Du lachst innerlich kurz über Dich selbst. Wie naiv, wie deutsch. Du fühlst Dich wie ein Klischee.

Aber passieren kann immer etwas – oder etwa nicht?

Du steigst beruhigt ins Auto und fährst nach Hause. Jemand versucht Dich zu überzeugen, dass Du keine Angst zu haben brauchst. Es gäbe Statistiken und Argumente.

Aber das Gefühl ist doch da, im Bauch. Und Gefühle kann man nicht steuern; ein Gefühl hat doch eine Berechtigung. Morgens spülst Du Dir kaltes Wasser ins Gesicht, danach gehst Du warm duschen.

Du weißt nicht, was Du in den letzten Jahren verlernt hast. Du weißt nicht, was Dir abhanden gekommen ist. Und weil Du das nicht weißt, kannst Du auch nicht sagen, wer oder was daran Schuld hat.

Du warst in der Schule und Du hast Dinge gelernt. Du hast sie auswendig gelernt, Du konntest sie abrufen. Du hast viel über die Verbrechen des Nationalsozialismus gelernt. Das Alles musstest Du mehrmals lernen und mehrmals abrufen. Nach dieser schrecklichen Zeit passierte auf der Welt viel Gutes: Es gibt Frieden, es gibt ein vereintes Europa. Und Du hast Dein ganzes Leben lang davon profitiert.

Du hast Formeln gelernt, aber niemand sagte Dir wofür. Du hast Sprachen gelernt, aber selten war jemand da, um sie mit Dir zu sprechen. Du hast Gedichte aufgesagt – für den Lehrer. Du kanntest wen, der war gut in der Schule. Abseits Deines Weges hast Du mitbekommen, wie Menschen Ideen hatten und reich wurden. Aber Du hattest nicht einmal vernünftiges Werkzeug. Ist es Deine Schuld?

Du hast viel gelernt; aber wenig über Kultur, kaum etwas über Rechte, nichts über das, was die Gesellschaft verbindet. Du hast es Dir selbst zusammengereimt – oder auch nicht. Du lebst in einem der reichsten Länder der Welt. Sorgenfrei. Niemand nimmt Dir etwas weg. Es ist Dir nicht immer bewusst.

Jetzt denkst Du Dinge, die für Dich Sinn ergeben. Du liest, was Du gerne lesen willst. Und Du lachst über Dinge, über die so gelacht wird. Du guckst Nachrichten und schüttelst immer noch den Kopf.

Die Vielfalt, sie erstickt Dich, in so vielen Belangen. Natürlich, da ist nur das kleine Du; trotzdem sind da so viele Dinge, die mit Dir zusammenhängen. Du musst Entscheidungen treffen und nie ist der richtige Zeitpunkt dafür. Jeder schickt Dir einen Link mit dem besten Angebot; jeder hat eine Geschichte gehört; jeder weiß es besser. Keiner weiß es richtig. Es ist zu anstrengend, Dingen auf den Grund zu gehen.

Du wischst mit dem Finger zum nächsten Date; zum nächsten Termin; zur nächsten Möglichkeit.

Du liest die großen Überschriften. Du liest die ersten Zeilen. Du bist oberflächlich. Alles interessiert Dich, aber nichts so richtig; wenig in Deinem Kopf hat Bestand. Warum sollte es auch Bestand haben? Was würde es an Deinem Leben ändern?

Die Welt wird schneller.

Abends liegst Du in Deinem Bett.

Du guckst an die Decke.

Es ist ganz ruhig.

Alles ist wie immer.

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